Der Baum, der Apfel und der Kern ,Ich bin erwacht, ich strecke mich, ich schau mich um und wundre mich. Ich sei ein Apfelkern, vernehme ich. Die Kammer, in der ich mich befinde, ist nicht sehr geräumig, auch nicht zu eng. Die Mauer, welche mich umschliesst,- welch betörender Geruch - duftet nach süsser Frucht. Ummantelt mit einer schützenden Haut ist mein ganzes, rundes Haus. Wohlbehütet, vom starken Ast gehalten, träume ich schwebend vor mich hin. Verwundert oft, manchmal verwirrt, lausche ich den Geschichten, die der Baum aus seinem Leben mir berichtet. Er schwärmt von milden, sonnigen Tagen, von lauen Nächten, von leuchtenden Sternen. Seine Worte werden weicher und wärmer, leise klingts, wie ein Wiegenlied. In wundersame, ferne Welten entschwebe ich, räkle mich in ewigem Sonnenschein. Ein tiefer Seufzer holt mich zurück in mein Bett. Unmut und Zorn rütteln das Geäst. Ich höre von Gewittern und Stürmen, von Hagel und Frost. Mich schauderts. Er habe getrotzt, sei standhaft geblieben, tönts prahlerisch aus tiefster Brust. Gastfreundschaft, belehrt er mich, ist ein wichtiges Gebot. Nobel sei es, die Arme auszubreiten, Vögel, Bienen und Falter willkommen zu heissen, ihnen Schutz, Unterschlupf und Nahrung zu schenken. Plaggeister, durchzuckt es den Baum, nisten sich ungebeten ein. Läuse kitzeln, Käfer und Würmer piksen, und, wie sich kratzen, habe er noch nicht gelernt. Verzückt schwelgt er in der Beschreibung seiner Pracht. Ich sehe und rieche die knackigen Knospen die zarten Triebe, die saftigen Blätter, die weissen Blüten, dezent getönt mit Rot. Er liebt seine herrlichen Früchte, eine davon ist mein Haus. Mein Apfelbaum ist wohl der Schönste, den es gibt ! In den Tiefen der Erde muss es wundervoll sein. Manchmal, in ruhigen Nächten, höre er das Brodeln im Kern. Er erzählt von den Steinen, die er mit seinen Fühlern erreicht und betastet,um schliesslich ausweichend weiterzuziehn. Begeistert berichtet er von der Vielfalt der Tiere, die das Erdreich belebt und bewegt. Leise summt er die Lieder der unterirdischen Wasser. Ich nicke dabei ein. Unsanft werde ich aus dem Schlaf gerissen. Die Erde bebt, es kracht und knirscht, es schmatzt und dröhnt. Riesige, gelbliche Monster drohen mich zu zerquetschen, ein gewaltiger Abgrund öffnet sich. Was wird aus meinen Wünschen ? Was wird mit mir geschehn ? Ich fliege  und finde mich wieder, gehalten von einer runzligen, zittrigen Hand. Liebevoll gräbt sie ein Bett in die Erde. Mit Grüssen an den Himmel deckt sie mich zu. Ich bin erwacht, ich gedeihe und wachse, ich schau mich um und wundre mich. Ich bin ein grossartiger, kleiner Apfelbaum.